sıla yolu

Der Ferientransit in die Türkei und die Erzählungen der Autobahn

Sıla yolu, Todesstrecke, Urlaubsweg – die ehemalige Europastraße 5 (E5)  hat viele Namen. Die Transitstrecke dient seit den 1960er Jahren von den Türkeistämmigen Arbeitsmigrant*innen als Hauptverbindungsweg zwischen Westeuropa und der Türkei. Noch immer ist die einstige „Gastarbeiterroute“ eine wichtige Strecke für Urlauber*innen, Pendler*innen sowie die neuen Migrant*innengruppen. Man kann die Route, ob ost- oder westwärts, als so etwas wie einen Ballungsraum von Erinnerungen an Heimat(en), Vermischungen und Oszillationen von Gewesenem sowie Hoffnungen auf Zukünftiges betrachten. Die Gegenwärtigkeit von Vergangenheit und Zukunft einer Strecke macht den Transitraum der Autobahn zu einer besonders interessanten Gemengelage menschlicher Emotionen, Wünsche und unerwarteten (Grenz-)Verschiebungen.

Im Fokus der Ausstellung steht das individuelle und kollektive Suchen eines Wegs, das Finden von Destinationen und Startpunkten, das Machen von Wegstrecke und das Mitbringen und Mittransportieren von Erwartungen, Fantasien, Erinnerungen und Artefakten. Die Ausstellung setzt sich nicht nur mit dem physischen Weg zwischen zwei Orten auseinander, sondern auch mit dem komplexen Emotionsraum, in dem die Konzepte von Kultur, Identität und Gemeinschaft rasant oszillieren, aber manchmal auch an unverrückbare Vorstellungen gefesselt sind.

Malve Lippmann und Can Sungu führten zwischen Sommer 2013 und 2016 künstlerische Recherchen in verschiedenen Archiven und vor Ort auf der Autobahn durch. Das Ergebnis ist eine mobile audiovisuelle Installation in einem alten Ford Transit – dem typischen, ja fast symbolischen Auto, das von vielen türkischen Einwandererfamilien für die Reise zwischen der alten und neuen Heimat benutzt wurde.

Die Ausstellung wurde im Herbst 2016 an verschiedenen Orten in Berlin und im März 2017 im Depo (Istanbul) gezeigt. Parallel fand jeweils ein Begleitprogramm statt, das in Filmvorführungen und Gesprächsrunden das Thema ergänzend beleuchtete. Die Publikation mit wissenschaftlichen, künstlerischen und literarischen Beiträgen kann per Email bestellt werden: info(at)bi-bak.de

Ausstellung Berlin: 24.09. – 09.10.2016
in ZK/U, bi’bak, Prinzesinnengärten, Galerie Wedding, himmelbeet
Preview: 22.0.2016, ZK/U
Eröffnung: 23.09.2016, bi’bak

Ausstellung in DEPO, Istanbul: 04.03. – 02.04.2017
Eröffnung: 03.03.2017

Mehr Infos unter: silayolu.bi-bak.de

Anlässlich der Ausstellung in Berlin und Istanbul erscheint eine Publikation, die anhand ausgewählter Texte und Bildmaterialien das Phänomen des sıla yolu näher beleuchtet. Wissenschaftler*innen geben Einblick in ihre Forschungen zum Ferientransit und zur Transitroute. Fabian Engler befasst sich in seinem einleitenden Text mit den Überlagerungen der Erfahrungsebenen als Migrant und Tourist. Manfred Pfaffenthaler beleuchtet den Zusammenhang von Arbeitsmigration und transnationaler Mobilität und fokussiert dabei den Streckenabschnitt der ehemaligen „Gastarbeiterroute“ durch die Steiermark. Gökhan Mura beschäftigt sich mit den Mitbringseln aus Europa und deren ideellen Wertbefrachtungen und geht dabei von seinen persönlichen Familiengeschichten aus. Ömer Alkın schreibt über die türkischen Migrationsfilme, in denen die Wegstrecke zwischen Deutschland und der Türkei eine Rolle spielt.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden literarische Auseinandersetzungen mit dem sıla yolu, wie unter anderem der Liedtext Zwischen Köln und Ankara von Aşık Ali Kabadayı, die Kurzgeschichte Unterwegs von Yüksel Pazarkaya, Ausschnitte aus dem Roman Europastraße 5 von Güney Dal und aus Die zarte Rose meiner Sehnsucht von Adalet Ağaoğlu.

Berichtet wird auch von dem Workshop Konvoi B-34 – Eine frisierte Modellautokolonne unterwegs von Berlin nach Istanbul, der dieses Frühjahr im bi’bak durchgeführt wurde. Zahlreiche Fotos aus Familienalben, die uns von Reisenden zur Verfügung gestellt wurden, Bilder aus historischen Archiven und aus unserer Vorort-Recherche visualisieren die Freuden und Leiden der Reise auf dem sıla yolu.

Künstlerische Leitung: Malve Lippmann, Can Sungu
Projektmitarbeit: Esra Akkaya, Duygu Atçeken, Hanna Döring, Lukas Renner
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Wiebke Finkenwirth
Grafikdesign: Çağın Kaya

In Kooperation mit DOMiD – Museum und Dokumentationszentrum für die Migration in Deutschland, Köln. Gefördert durch den Fonds Soziokultur, die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa, mit freundlicher Unterstützung vom Goethe Institut Istanbul.